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Dienstag, 06.01.2009

Nichts übers Knie brechen

Magazin | dürer | 03.11.2006

1943 in Hersbruck geboren. Erster Berufswunsch: Lokführer einer Dampflok, wie sie Zuhause am Michelsberg vorbeifuhr. Jura-Studium in Erlangen und Anwaltstätigkeit. 1969 steigt Günther Beckstein mit einer Landtagskandidatur in die Politik ein.

Nichts übers Knie brechen
"Oft sieht man sich als Politiker in einen engen Zeitrahmen gepresst und muss schnell entscheiden."

1988 wird er Staatssekretär im Bayerischen Innenministerium, 1993 Staatsminister und 2001 Stellvertreter Edmund Stoibers. Nach so vielen Jahren in der Bundes- und Landespolitik legt Günther Beckstein für dürer die Hand aufs Herz: Ist es schwieriger geworden, Politiker zu sein? 

dürer: Wie lange sind Sie im September 2005 davon ausgegangen, dass Sie Bayerns nächster Ministerpräsident werden?

Dr. Beckstein: In der Politik gilt der Leitsatz: Alles ist möglich, auch das Gegenteil. So war es bei der "Nachfolgefrage", die sich dann ja gar nicht gestellt hat. Ich verhehle nicht, dass ich mir für den Fall gute Chancen ausgerechnet habe. Aber das ist mittlerweile Schnee von gestern. Ich blicke nicht zurück, sondern nach vorne.

dürer: Wie kommt es, dass seit einigen Jahren mehr und mehr Franken in Brüssel, Berlin und München ganz vorne mitmischen?

Dr. Beckstein: Die Franken haben schon immer eine maßgebliche Rolle gespielt. Ich erinnere nur an Josef Müller, den legendären Ochsensepp, den ehemaligen Bundeskanzler Ludwig Erhard oder die bayerischen Ministerpräsidenten Hanns Seidel und Hans Ehard. Aber es stimmt schon, in der Öffentlichkeit wurde das nicht immer so wahrgenommen. Doch hier sollte man die Kirche im Dorf lassen: Eigentlich ist es egal, woher ein Politiker kommt. Wichtig ist, dass er eine gute Politik macht.

dürer: Es ist bekannt, dass Sie bis zu 18 Stunden arbeiten. Wie sieht ein typischer Arbeitstag bei Ihnen aus?

Dr. Beckstein: Meist heißt es früh aufstehen; der Tag kann schon mal um 4 Uhr morgens beginnen. In der Regel ist er angefüllt mit Gesprächen: Rücksprachen in München mit meinen Mitarbeitern, Sitzungen des Ministerrats und des Bayerischen Landtags. Nicht zu vergessen die vielen Termine vor Ort, auch in Nürnberg. Außerdem ist es wichtig, Kontakt mit meinen Amtskollegen im In- und Ausland zu halten, besonders da Bayern derzeit den Vorsitz der Innenministerkonferenz innehat. Da gleicht kein Tag dem anderen. Wichtig ist und bleibt dabei für mich der Kontakt mit den Menschen. Denn für einen Politiker wäre es fatal, die Bodenhaftung zu verlieren.

dürer: Sie sind mehr als 35 Jahre "Vollblutpolitiker". Inwiefern haben Sie sich in dieser Zeit verändert?

Dr. Beckstein: 35 Jahre sind eine lange Zeit. Und klar ist auch, dass diese Zeit im Politikbetrieb nicht spurlos vorübergeht. Mir ist es nach wie vor sehr wichtig, meinen Worten auch Taten folgen zu lassen. Aber ich habe auch mehr Gelassenheit als am Anfang meiner Karriere, mehr Erfahrung und Sachkunde, so dass ich Entscheidungen sehr viel selbstsicherer treffe.

dürer: Was hat sich in der Politik seitdem verändert?

Dr. Beckstein: Die größte Herausforderung sehe ich darin, dass Politik viel komplexer geworden ist. Das stellt auch an einen Politiker enorme Anforderungen. Er muss das notwendige Fachwissen haben, und es wird immer schwieriger, hier auf der Höhe der Zeit zu bleiben, etwa bei den Steuern oder im Gesundheitsbereich. Mit Fachwissen allein ist es aber nicht getan. Der Politiker muss auch über seinen Tellerrand hinausschauen. Er muss vernetzt denken und handeln. Er muss bedenken, welche Auswirkungen seine Entscheidungen für die Zukunft haben. Nachhaltigkeit ist ein Stichwort, das auch für mich im Lauf der Jahre immer wichtiger geworden ist.

dürer: Was fällt Ihnen zu den Begriffen Politik und Tempo ein?

Dr. Beckstein: Geschwindigkeit spielt eine immer größere Rolle. Oft sieht man sich als Politiker in einen engen Zeitrahmen gepresst und muss schnell entscheiden. Aber das darf nicht dazu führen, dass sich die Politik das Tempo diktieren lässt. Für mich gilt vor allem bei grundsätz-lichen Entscheidungen: Gründlichkeit ist ebenso wichtig wie Schnelligkeit. Es nützt nichts, etwas übers Knie zu brechen und dann ständig nachbessern zu müssen.

dürer: Was möchten Sie gerne noch erreichen?

Dr. Beckstein: Ich will weiterhin etwas für die Bürgerinnen und Bürger tun und dazu beitragen, dass sie in Frieden und Sicherheit leben können. Der Freistaat Bayern ist seit vielen Jahren in Deutschland "Marktführer" der inneren Sicherheit. Das ist für mich Ansporn und Herausforderung. Außerdem will ich für die Umstrukturierung der Metropolregion Nürnberg arbeiten und für die Eröffnung noch besserer Chancen in der Zukunft. Die Menschen hier sollen die gleichen Chancen wie im Großraum München haben.

dürer: Was wünschen Sie sich von den Wählern?

Dr. Beckstein: Jeder Politiker wünscht sich Zustimmung für seine Politik. Darüber hinaus: nicht nur nach oberflächlichen Stimmungen, sondern nach sorgfältiger Information an die Wahlurne zu gehen. Nicht nur an die eigenen Interessen, sondern ans Allgemeinwohl zu denken.

dürer: Wofür würden Sie Ihre Zeit gerne noch intensiver nutzen? Und wofür verschwenden Sie sie manchmal?

Dr. Beckstein: Ich mache keinen Hehl daraus, dass ich gerne mehr Zeit mit meiner Frau und meinen drei Kindern verbringen würde. Was die Frage nach der Zeitverschwendung angeht, möchte ich mich Dietrich Bonhoeffer anschließen, der sagte: "Verloren wäre die Zeit, in der wir nicht als Menschen gelebt, Erfahrungen gemacht, gelernt, geschaffen, genossen und gelitten hätten."

Artikel aus: dürer 02.06